Gestiegenes Interesse an Korruptionsprävention in der Entwicklungszusammenarbeit
Der von Transparency International Schweiz und Brot
für Alle organisierte NGO Roundtable am 25. Oktober stiess auf grosses
Interesse. Mit 37 Teilnehmern waren die Lokalitäten des WWF
Bildungszentrums in Bern gut gefüllt. Mehrere Anmeldungen hatten nicht
berücksichtigt werden können. Zum ersten Mal wurde der Roundtable auf
Englisch abgehalten. Dies kam nicht nur den ausländischen Referenten
entgegen, sondern zog auch mehr Teilnehmer aus der Westschweiz an.
Neue Instrumente zur Korruptionsbekämpfung
Des
Problems der Korruption in der Entwicklungszusammenarbeit werden sich
auch die Nichtregierungsorganisationen immer stärker bewusst. Daran hat
sicherlich auch die Arbeit von TI Schweiz einen Anteil. Neben der
Organisation des NGO Roundtable, der 2006 das erste Mal durchgeführt
worden war, war TI Schweiz auch mit der Entwicklung eines Ratgebers für
NGOs beschäftigt. Dieser war im Hinblick auf den diesjährigen Roundtable
grundlegend überarbeitet worden. Als Ergänzung war zudem eine
Checkliste entwickelt worden, die NGOs helfen soll, Korruptionsrisiken
innerhalb ihrer Strukturen zu erkennen. Yvan Maillard, Programme Officer
Finance and Corruption bei Brot für Alle und Vorstandsmitglied von TI
Schweiz, erläuterte den Anwesenden die beiden Instrumente, die im Laufe
des nächsten Jahres auch auf Französisch und Englisch verfügbar sein
werden. Verschiedene Teilnehmer bekundeten Interesse daran, insbesondere
um sie auch Partnerorganisationen zugänglich machen zu können.
Auf
die Herausforderung, Korruptionsfälle aufzudecken, und speziell auf die
Bedeutung von Whistleblowing ging Zora Ledergerber, Geschäftsführerin
von Integrity Line GmbH und ebenfalls Vorstandsmitglied von TI Schweiz,
ein. Anhand von Statistiken zeigte sie auf, dass die meisten Fälle von
Betrug durch Hinweise von Whistleblowern ans Licht kommen – nicht nur in
Unternehmen, sondern auch in Non-Profit-Organisationen. Die Einrichtung
eines wirksamen Meldesystems für solche Hinweise könne sowohl die
Wahrscheinlichkeit als auch die Schäden von Korruption massgeblich
reduzieren. Dazu sei es jedoch essenziell, dass man die Mitarbeitenden
ausreichend über das System informiere.
Aufwendige Umsetzung der Richtlinien
Welche
Herausforderungen sich bei der Entwicklung eines
Anti-Korruptionsprogramms ergeben, zeigte Nicole Thürlemann auf. Die
Verantwortliche für das interne Controlling beim HEKS erläuterte den
Anwesenden den Prozess, in dem die organisationseigenen „Field Finance
and Programmatic Guidelines“ erarbeitet wurden. Dazu listeten die
Mitarbeitenden des HEKS zunächst in einem Workshop sämtliche finanzielle
und rechtliche Risiken auf. Die dadurch identifizierten 96 Risiken
wurden daraufhin nach ihrer Eintretenswahrscheinlichkeit und dem
finanziellen Schaden beurteilt. Aufgrund dieser Analyse erstellte das
HEKS Richtlinien für ihre Mitarbeitenden in den Bereichen Finanzen,
Administration und Projektmanagement. Die dezentrale Organisation des
HEKS machte die Implementierung dieser Richtlinien aufwendig: Die
Koordinatoren in den Zielländern mussten instruiert und die Umsetzung in
den Koordinationsbüros regelmässig kontrolliert werden. Doch der
Aufwand lohnte sich, wie eine Wiederholung der Risikoanalyse zeigte: Die
Eintretenswahrscheinlichkeit der verschiedenen Risiken hatten sich
teilweise stark reduziert.
Die Ethnologin Lucy Koechlin ging in
ihrem Referat auf die Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen ein. Sie
plädierte dafür, nicht ausschliesslich auf „harte“ Massnahmen zu
fokussieren. Für den Kampf gegen Korruption sei das Vertrauen in die
Partner vor Ort essenziell. In diesem Zusammenhang positiv bewertete sie
den Trend, die Zusammenarbeit mit den Partnerorganisationen weniger
hierarchisch zu gestalten, sondern möglichst auf einer Ebene mit ihnen
zu arbeiten.
Das Referat diente als Überleitung zum ersten
Workshop-Block. In vier Gruppen diskutierten die Teilnehmer über die
Herausforderungen, mit denen NGOs durch Korruption konfrontiert werden.
Dabei bot sich auch die Möglichkeit, die Erfahrungen der eigenen
Organisation im Umgang mit dem Problem auszutauschen.
Tolbert
Jallah gab einen Einblick, wie die Korruption in den Entwicklungsländern
selbst wahrgenommen wird. Der Generalsekretär des Fellowship of
Christian Councils and Churches in Western Africa (FECCIWA) zeigte auf,
wie verbreitet die Korruption in vielen Ländern Westafrikas ist, und
führte den Anwesenden ihre verheerenden Folgen vor Augen.
Offene Kommunikation als Mittel zur Korruptionsprävention
Der
letzte Teil der Veranstaltung war dem Thema Kommunikation gewidmet.
Zunächst erklärte Maja Gram, wie NGOs durch eine offene Kommunikation
nach aussen ihre Anti-Korruptionsbemühungen unterstreichen und ihre
Reputation verbessern können. Die Anti-Korruptionsbeauftragte des
dänischen Hilfswerks DanChurchAid zeigte den Teilnehmern anhand eines
jährlich publizierten Berichts, wie ihre Organisation konsequent offen
über Korruption in ihrer Arbeit berichtet. Seit mehreren Jahren
publiziert DanChurchAid Fälle von Korruption und Betrug auf ihrer
Webseite. Die Erfahrungen waren gemäss Maja Gram durchwegs gut. Das
Hilfswerk habe bisher nur positive Rückmeldungen zu dieser Massnahme
erhalten. Und die Spendeneinnahmen seien seit der Einführung nicht etwa
zurückgegangen, sondern im Gegenteil noch angestiegen.
Allerdings
birgt eine derartige Kommunikationspolitik auch Herausforderungen, wie
die Teilnehmer in den anschliessenden Workshops feststellten. Darin
bekamen sie verschiedene Fälle von Korruption präsentiert und mussten
entscheiden, ob und wie sie diese veröffentlichen würden. Die
Diskussionen machten deutlich, dass Transparenz einfacher gesagt als
umgesetzt ist. So stellt sich beispielsweise die Frage, ob einzelne
Details veröffentlicht werden sollen, auch wenn diese die fehlbaren
Personen leicht identifizierbar machen. Damit sollte man zumindest
zurückhaltend sein, so Maja Gram, denn: Transparenz sei zwar wichtig,
aber sie höre dort auf, wo die Sicherheit von Personen gefährdet wird.
Maja Gram konnte zudem die Erfahrung von Nicole Thürlemann bestätigen:
Vom Erkennen der Korruption als Problem bis zur Implementierung
effektiver Massnahmen ist es ein weiter Weg. Allein bis man sich bei
DanChurchAid auf den Inhalt der internen Anti-Korruptionsrichtlinien
geeinigt hatte, dauerte es ein volles Jahr.
