Ilan Fellmann: „Die ,automatische‘ Korruption“ - Rezension
Als ehemaliger Interner Revisor in verschiedenen österreichischen Ministerien und Unternehmen kann Ilan Fellmann viel praktische Erfahrung zum Thema Korruption und Korruptionsbekämpfung vorweisen. Entsprechend umfangreich ist sein kürzlich erschienenes Werk, das sich im Untertitel als „Handbuch der Korruptionsprävention“ ankündigt. Das Buch bietet allerdings mehr als eine Auflistung von möglichen Präventionsmassnahmen. Seine Ausführungen zu verschiedenen Aspekten der Korruptionsbekämpfung werden begleitet von umfangreichen Hintergrundinformationen, Beispielen von „Codes of Conduct“ verschiedener Unternehmen und einer Sammlung von Medienberichten zu bekannt gewordenen internationalen Korruptionsfällen.
Fellmann geht zunächst auf den Begriff der Korruption und ihre verschiedenen Formen ein. Dabei behandelt er aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen wie Ökonomie, Soziologie oder Psychologie ihre wissenschaftliche Relevanz. Nach Fellmann beginnen viele Täter mit der Bezahlung oder Entgegennahme kleiner Summen. Hat die Korruption einmal funktioniert, legen die Täter ihre Vorsicht mehr und mehr ab und erhöhen laufend die Summen. Aufgrund dieses sich selbst verstärkenden Prozesses spricht Fellmann von der „automatischen Korruption“.
Bedeutung nichtstaatlicher Akteure
Nach der Einführung ins Thema wendet sich der Autor der eigentlichen Hauptfrage zu: Wie kann Korruption bekämpft beziehungsweise verhindert werden? Zunächst wird die Rolle staatlicher Organe beschrieben, die mit der Korruptionsbekämpfung betraut sind (wie Staatsanwaltschaft oder Polizei). Im Fokus steht dabei vor allem die Situation in Österreich. Fellmann streicht aber auch die Bedeutung nichtstaatlicher Akteure wie Transparency International heraus.
Die folgenden Kapitel gehen spezifisch auf die Möglichkeiten und die Verantwortung von Unternehmen bei der Korruptionsbekämpfung ein. Es reicht nicht, dass die Angestellten die gesetzlichen Bestimmungen kennen. Wirksame Korruptionsprävention setzt laut Fellmann auch voraus, dass die Unternehmensziele im Sinne eines „Corporate Governance“ breiter gefasst werden als der kurzfristige (finanzielle) Erfolg des Unternehmens. Schon heute kennen viele Firmen einen Code of Conduct, der Verhaltensregeln für Mitarbeiter festlegt. Fellmann bemängelt, dass diese Richtlinien oft nur auf dem Papier existieren und in der Praxis nicht angewandt werden. „Der Code of Conduct gehört gelebt (...) Die Vorgesetzten auf allen Ebenen sind die besten Vorbilder, auch im Bezug auf Ethik und Moral.“ (S. 114) Entsprechend sieht der Autor die wichtigen Pfeiler der Korruptionsprävention im Umgang mit den Angestellten und in der Personalentwicklung. Kurzfristige Arbeitsverhältnisse oder zu hohe Zielvorgaben können Mitarbeitende zu unethischem Verhalten verleiten. Im Kontext der jüngsten Wirtschaftskrise ist auch interessant, dass Arbeitnehmende in wirtschaftlich schwierigen Zeiten stärker zu Korruption neigen, um den kurzfristigen Unternehmenserfolg zu sichern. Die zu starke Fokussierung auf den kurzfristigen Gewinn verleitet Mitarbeitende somit zu Handlungen, die für das Unternehmen erhebliche Gefahren mit sich bringen.
Als übergreifendes Instrument zur Korruptionsbekämpfung geht Fellmann schliesslich auf das Interne Kontrollsystem (IKS) ein, das die Einhaltung der unternehmenseigenen Richtlinien garantieren soll. Darunter fallen neben allgemeinen Aspekten wie der Firmenkultur die Risikobeurteilung sowie konkrete Massnahmen wie das Mehraugen-Prinzip, die der Einschränkung des Risikos dienen.
Umfassende Übersicht über Korruptionsbekämpfung und –prävention
Obschon „Die automatische Korruption“ vor allem die Situation in Österreich und Deutschland behandelt, bietet das Buch auch Schweizer Verantwortungsträgern in Unternehmen und der Verwaltung genauso wie sonstigen Interessierten eine umfassende Übersicht über Korruptionsbekämpfung und –prävention. Das positive Bild wird allerdings durch die hohe Zahl von Fehlern im Text getrübt. Störend wirken auch der teilweise etwas umgangssprachliche Schreibstil und die zahlreichen Wikipedia-Zitate. Dennoch bietet Fellmanns Buch Verantwortungsträgern in Unternehmen und der Verwaltung genauso wie sonstigen Interessierten eine umfassende Übersicht über Korruptionsbekämpfung und –prävention. Das liegt nicht nur an der fachlichen Kompetenz des Autors, sondern auch am sehr breiten Ansatz, den er wählt. Fellmann schreibt nicht nur aus der Perspektive des Internen Revisors, sondern behandelt grundsätzliche Fragen der Ethik, psychologische oder auch kriminologische Aspekte. Nützlich für die Praxis sind zudem die im Anhang enthaltenen Checklisten und Beispiele von Codes of Conduct verschiedener Unternehmen.
Ilan Fellmann: Die ‚automatische‘ Korruption. Handbuch der Korruptionsprävention. Neuer Wissenschaftlicher Verlag, Wien/Graz 2010.
