Die dunklen Machenschaften der ABB
20 Minuten Online, 16. August 2010
Die ABB wird von ihrer Vergangenheit eingeholt: Der «Stern» deckt zwei neue Betrugsfälle auf, die den Elektroriesen belasten. Die ABB zeigt sich «überrascht».
Der Schweizer Technologiekonzern ABB verstrickte sich in seiner Vergangenheit immer wieder in Schmiergeld-Affären. Auf der langen Liste von mutmasslichen und bewiesenen Verfehlungen kommen nun zwei neue Fälle hinzu. Der Elektrotechnikkonzern soll zwei weitere illegale Zahlungen geleistet haben – erstere über 20 Millionen Euro liegt neun Jahre zurück, die andere über 10 Millionen Dollar bereits 16 Jahre. Beide Schmiergeldzahlungen sind gemäss «Stern» über die Liechtensteiner LGT Bank abgewickelt worden.
Die 20 Millionen Euro waren für den damaligen Entrelec-Chef Pierre Bauer bestimmt, der das Geld beschönigend «steuerneutral», also «schwarz», erhalten haben soll. ABB hatte den französischen Automatisierungsspezialisten Entrelec im Jahr 2001 übernommen. Ausserdem soll die ABB 1994 für die Vermittlung eines Bauauftrags in Indien 10 Millionen Dollar über Tarnfirmen in den British Virgin Islands ins Fürstentum Lichtenstein geleitet haben.
ABB gibt sich «überrascht»
«Die Vorwürfe haben uns überrascht», sagt der ABB-Konzernsprecher Thomas Schmidt gegenüber 20 Minuten Online, «denn uns war von den im Artikel dargestellten Betrugsfällen nichts bekannt». Der «Stern» beruft sich bei den Anschuldigungen auf Unterlagen der fürstlichen LGT Treuhand, die 2002 vom ehemaligen Mitarbeiter Heinrich Kieber entwendet und 2006 für fünf Millionen Euro an den Bundesnachrichtendienst (BND) verkauft wurden.
Der ABB-Konzern wird mit den jüngsten Schmiergeldvorwürfen von seiner Vergangenheit eingeholt. Ob die Beschuldigungen zutreffen oder nicht, will der Sprecher nicht bestätigen: «Wir werden uns die zwei Fälle nun im Detail anschauen. Bevor unsere internen Prüfung nicht abgeschlossen ist, können wir nichts weiteres dazu sagen.» Gegen den «Stern» seien keine rechtlichen Schritte geplant.
Schmiergeld von Steuern abziehen
Die beiden Zahlungen sind bei weitem keine Einzelfälle: 2004 büssten die USA den ABB-Konzern mit 16 Millionen Dollar wegen Bestechungen in Ölgeschäften in Nigeria, Angola und Kasachstan. Im gleichen Jahr wurden illegale Preisabsprachen im Geschäft mit Hochspannungsschaltanlagen in Deutschland publik und eine ABB-Tochter in Italien schönigte die Bilanz um 700 Millionen Dollar. Im Jahr 2005 flog eine Schmiergeldaffäre der Softwarefirma ABB Network Management im US-Bundesstaat Texas auf.
Bis in die Neunzigerjahre wurde Korruption im Ausland von den Schweizer Behörden stillschweigend gebilligt: Schmiergeldzahlungen konnten gar von den Steuern abgezogen werden. Nun gilt bei der ABB «grundsätzlich eine Nulltoleranz gegen solche Regelverstösse», so der Sprecher. Die Konzernleitung beteuert dies seit Jahren und schreckte auch vor Selbstanzeigen nicht zurück.
