Adresse für heisse Dokumente
Der Bund - 20. Mai 2008
Die Schweizer Bank Julius Bär, das US-Militär und die Scientology-Sekte haben etwas gemeinsam: Die Enthüllung von Dokumenten auf den Internet-Webseiten von Wikileaks brachte ihnen einige Peinlichkeiten. Total 2 Millionen Dokumente liegen Wikileaks vor. Ein Aktivist erzählt über die Hintergründe des Phänomens.
Es war ein klassisches Eigentor. Die Bank Julius Bär wollte auf gerichtlichem Weg die Publikation von bankinternen Dokumenten auf der Webseite von Wikileaks sperren – das Resultat waren weltweite Schlagzeilen, ein stark gestiegenes Interesse an den Dokumenten sowie ein Publizitätsschub für Wikileaks. Im Februar dieses Jahres hat ein kalifornischer Richter den Domain-Namen wikileaks.org tatsächlich gesperrt – nur um die Sperre noch im gleichen Monat wieder aufzuheben.
Das Theater um Wikileaks rückte den Streit der Bank Bär mit dem Lieferanten der Dokumente, dem früheren Bär-Manager Rudolf Elmer, erst recht ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Elmer war bis 2003 die Nummer 2 der Bank auf den Kaimaninseln. Sein Hauptvorwurf: Die Bank verschiebe in Umgehung der Steuergesetze Gewinne in eigener Sache und für die Kundschaft in Steuerparadiese wie die Kaimaninseln, Luxemburg und Guernsey. Die zwei Antworten der Bank Bär: (1)Die publizierten Dokumente seien gestohlen oder gefälscht. (2)Die Bank habe alle Transaktionen gemäss gültigen Regeln durchgeführt und die von Elmer kritisierten Vorgänge den Steuerbehörden offengelegt.
Der jahrelange Rechtsstreit zwischen Elmer (der sagt, dass die Bank ihm unrechtmässig gekündigt habe) und der Bank Bär ging letzte Woche in eine neue Runde. Elmer kündigte an einer Pressekonferenz in Berlin eine Beschwerde gegen das Schweizer Bankgeheimnis beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg an. Elmers Botschaft: Er bekomme in der Schweiz keinen fairen Prozess – denn wenn er Beweise für seine Behauptungen vorlegen wolle, erhalte er Klagen wegen Verletzung des Bankgeheimnisses. (Eine Klage gegen Elmer ist schon seit Jahren hängig.) Unnötig zu sagen: Auch die Dokumente zur Eingabe in Strassburg sind auf Wikileaks einzusehen.
Die Bär-Affäre hat Wikileaks auch in der Schweiz breiter bekannt gemacht. Wikileaks ist seit etwa Anfang 2007 auf dem Netz. Die Webseite will eine Plattform bieten für Leute, die in ihren Organisationen auf Dubioses gestossen sind und Dokumente an die Öffentlichkeit bringen wollen. Der Name «Wikileaks» erinnert ans Internet-Lexikon «Wikipedia». Eine formelle Beziehung gebe es nicht, erklärt Wikileaks. Vergleichbar seien aber die verwendete Technologie sowie die Philosophie des «Vertrauens in eine informierte Bürgergemeinschaft»: «Was Wikipedia für Nachschlagewerke ist, ist Wikileaks für Informationslecks.»
Über sich selbst enthüllt Wikileaks auf seiner Webseite aber eher wenig. Gegründet wurde sie laut den Angaben durch «chinesische Dissidenten, Journalisten, Mathematiker und Jungunternehmer aus den USA, Taiwan, Europa, Australien und Südafrika». Die Hauptstossrichtung liege in der Aufdeckung von Vorgängen in «Unterdrückungsregimes» in Asien, Osteuropa, Afrika und dem Nahen Osten, doch die Webseite sei offen für Enthüllungen unethischen Verhaltens jeder Art.
Wikileaks enthalte schon rund 2 Millionen Dokumente, sagt einer der Aktivisten im Gespräch. Er ist ein rund 30-jähriger Informatiker aus Deutschland, der sich nach eigenen Angaben täglich 6 bis 8 Stunden für Wikileaks ins Zeug legt – ehrenamtlich wie alle Aktivisten. Die Tätigkeit für Wikileaks, so sagt er, «ist mir wesentlich wichtiger als meine Arbeit». Sein Motiv zum Mitmachen? «Ich wollte mich irgendwo engagieren, wo es etwas bringt.»
Als die bisher mit Abstand wichtigsten Wikileaks-Dokumente wertet der Aktivist die Unterlagen zu den jüngsten Wahlen in Kenia. Wikileaks publizierte im Spätsommer 2007 einen bis dahin unter Verschluss gehaltenen Bericht von britischen Rechnungsprüfern. Der Bericht legte den enormen Umfang der Korruption im Regime des früheren Präsidenten Daniel Arap Moi offen.
Dokumente «kommen in Wellen» zu Wikileaks, sagt der Vertreter: Es gebe Monate, da laufe fast nichts – aber spektakuläre Enthüllungen brächten oft einen neuen Schub. Den ersten Popularitätsschub holte sich Wikileaks durch die Publikation von Dokumenten aus dem US-Militär zu den Gefangenenlagern in Guantanamo. Diesen Frühling erhielt Wikileaks viele Schlagzeilen nach der Publikation interner Dokumente der Scientology-Sekte. Auch der Fall der Bank Bär sei wichtig gewesen, sagt der Aktivist.
Klassische Wirtschaftsthemen machen laut dem Insider aber immer noch einen kleineren, wenn auch wachsenden Anteil der Dokumente aus: Namentlich im Gefolge des Falles um die Bank Bär seien «extrem viele Dokumente» etwa zum Thema Banken und Steuerhinterziehung hereingekommen.
Die Hauptkritik an Wikileaks: Die Webseite biete ein Forum für Fertigmacherkampagnen ohne genaue Informationen über den Wahrheitsgehalt der publizierten Dokumente. Die Antwort von Wikileaks ist zweiteilig: (1) Auch die klassische Medienwelt sei voll von Kampagnen mit zweifelhaftem Wahrheitsgehalt. (2) Die Dokumente auf Wikileaks stünden jedem Interessierten zur Prüfung und Kommentierung offen – das Licht der Öffentlichkeit sei das beste Mittel zur Ausmerzung von Fehlern.
Ein besonders plump gefälschtes Papier auf Wikileaks betrifft ein angebliches Schreiben der Bank Julius Bär in schlechtem Englisch an eine gewisse «Angela Merkel» über deren angebliches Schweizer Bankkonto. Der Anteil gefälschter Dokumente sei aber minimal, versichert der Wikileaks-Aktivist. Grösser sei dagegen der Anteil der Dokumente mit unwichtigem Inhalt.